Traditionelle Musik in der Ukraine

Nationale Identität und Globalisierung

In Vorbereitung

Promotion am UNESCO-Lehrstuhl für Transcultural Music Studies (TMS) der Hochschule für Musik "Franz Liszt" Weimar

Gefördert durch die Studienstiftung des deutschen Volkes

Erstgutachter: Prof. Dr. Tiago de Oliveira Pinto, Zweitgutachter: Prof. Dr. Klaus Näumann

 

Seit der Majdan-Revolution und dem Ausbruch des bewaffneten Konflikts/Kriegs in der Ostukraine steht die Ukraine im Fokus der westeuropäischen Nachrichten. Dabei ist nicht Weniges des politischen, medialen und öffentlichen Diskurses – sowie seiner Kritik gleichermaßen – von Unkenntnis des Landes selbst geprägt.


Die Dissertation, ein Jahr vor Ausbruch des Konflikts begonnen, fokussiert die Rolle traditioneller Musik in der Ukraine. Wie lebendig ist traditionelles Repertoire noch, und in welchen Formen und Kontexten wird es heute dargeboten? Wie positionieren sich Tradition und Folklore zu Einflüssen der Globalisierung? Welche Relevanz besitzen traditionelle Musikpraktiken für die Konstruktion nationaler Identität in dem – angeblich – gespaltenen Land? Und wie haben die krisenhafte Zuspitzung der innen- und außenpolitischen Umstände sowie die Konfrontation mit Russland den Umgang mit ihnen beeinflusst?


Es zeigt sich, dass traditioneller Musik in der Ukraine eine kaum zu überschätzende Bedeutung in den Prozessen nationaler Selbstvergewisserung zukommt. Dabei koexistiert sie allerdings weitgehend unproblematisch mit differenten, regional weniger oder anders markierten musikalischen Ausdrucksformen, etwa ukrainischem, russischem, angloamerikanischem Pop, in gewissen Gebieten auch sowjetischer Musik. Transkulturelle Verschränkungen und Synthesen auf struktureller, performativer und diskursiver Ebene sind an der Tagesordnung. Zeugnis liefert eine enorme Produktivität des Crossover-Sektors. 
Auch geographisch lässt sich die oft postulierte Zweiteilung des Landes in eine vermeintlich ukrainische westliche und eine russische östliche Hälfte nicht konsistent untermauern. Es ergibt sich ein weitaus komplexeres, durchlässigeres und teilweise multiples Bild kultureller Identitäten. Dies gilt ausdrücklich auch nach Ausbruch des Konflikts und ebenso ausdrücklich in Gegenden der Ostukraine unweit des Kriegsgeschehens.