On the Brink | Niemandsland
Lyrikvertonungen aus der Ukraine

Einige der bis heute bedeutendsten deutschsprachigen Dichter des 20. Jahrhunderts stammen aus Städten, die heute zur Westukraine gehören. Aus dem westeuropäischen Nachkriegsexil arbeiteten Paul Celan und Rose Ausländer sich an dem Menschheitsverbrechen des Holocaust ab, dem Dichterkollegen wie die 18jährige Selma Meerbaum-Eisinger u. v. m. zum Opfer fielen. Ihr Ringen um eine ästhetische Repräsentanz des Unsagbaren und unwiederbringlich Zerstörten, verkörpert im Heimatverlust der einst vielsprachigen, heilen Stadt Czernowitz, hat eine Avantgarde mitgeschaffen, die bis heute zeitgenössische Künstler zur kreativen Auseinandersetzung anregt.
Die polnische Schriftstellerin und Philosophin Debora Vogel schrieb im Lemberg / Lwów der Zwischenkriegsjahre auf jiddisch und polnisch und partizipierte an den europäischen ästhetischen Strömungen und intellektuellen Diskursen ihrer Zeit – bevor sie durch ihre Ermordung im jüdischen Ghetto bis vor Kurzem weitgehendem Vergessen anheimgefallen war.
Die Verbindung dieser Künstlerpersönlichkeiten zur heutigen Ukraine wird zumeist ausgeblendet – sofern sie nicht, wie Debora Vogel, ganz durch die Raster der Erinnerungskanones fallen. Auch in der Ukraine selbst hat ein Prozess der Rückbesinnung jenseits sowjetischer kulturpolitischer Vereinnahmung erst begonnen – nicht zuletzt, um verlorene Teilhabe an Europa zurückzugewinnen. Diese frischen Tendenzen haben in den letzten beiden Dekaden zu einer beeindruckenden literarischen Produktivität und Innovationskraft geführt, die mit Macht in die europäische Öffentlichkeit drängt.
Das Projekt On the Brink | Niemandsland hat sich zum Ziel gesetzt, einen Bogen zu schlagen von der vernichteten deutsch-polnisch-jüdischen Vergangenheit Czernowitz’, Lemberg / Lwóws und weiterer Gedächtnisorte in der Region mitten ins aktuelle Kulturgeschehen der heutigen Ukraine. Das Projekt versteht sich als Pilotveranstaltung für einen künstlerischen Austausch- und Kollaborationsprozess zwischen der Ukraine, Polen und Deutschland, der die interkulturelle Wahrnehmung der beteiligten Länder nachhaltig bereichern möchte – vor allem auf der Ebene innovativer musikalischer Gemeinschaftsproduktionen.
Programm
Peter Helmut Lang (*1974)
Wirklichkeit unser unverläßliches Märchen
fünf Miniaturen für Sopran und Klavier
nach Gedichten von Rose Ausländer (deutsch)
Iryna Vikyrčak (*1988)
Lesungen aus Gedichten über Gedichte von Rose Ausländer (ukrainisch, deutsch, englisch)
Christian Diemer (*1986)
…die Leier vielleicht (2006/7)
für Sopran und Klavier mit Schlaginstrumenten
nach vier Gedichten aus dem Notizbuch von Tabarești von Paul Celan (deutsch)
Olesya Zdorovetska (*1985)
Drei Stücke nach Texten von Debora Vogel
für Sopran und Klavier (jiddisch, polnisch)
Nick Roth (*1982)
I am the Sea (2009)
nach einem Text von Olesya Zdorovetska (englisch, russisch)
Sopran: Olesya Zdorovetska
Klavier: Paola Prokopenko
Lesung: Iryna Vikyrčak (L’viv), Olesya Zdorovetska (weitere)
Moderation: Christian Diemer
Aufführungen
L’viv | Libraria | Fr, 15. September 2017, 15h 30
Černivci | Galerie Vernisaž Centre | Fr, 29. September 2017, 19h
Dnipro | Artkvartyra Centre | So, 1. Oktober 2017, 19h
Kyïv | KalytaArtClub | Di, 3. Oktober 2017, 19h
Dresden | Blaue Fabrik | Fr, 3. November 2017, 21h
Weimar | Notenbank | So, 5. November 2017, 19h
Leipzig | Oberlichtsaal der Stadtbibliothek | Mi, 8. November 2017, 19h
Kraków | Museum der Juden Galiziens [Żydowskie Muzeum Galicja] | Do, 9. November 2017, 19h
Förderer
Förder- und Hilfsfonds des Deutschen Komponistenverbands e. V.